Montag, 9. März 2015
Geusa ohne Gans?
Die alten Ritter im Dorf führten sie einst in ihrem Wappen und noch heute flattert sie am Haus der örtlichen Feuerwehr: Seit jeher gehört die Gans zu Merseburgs jüngstem Stadtteil, könnte der Besucher meinen, wenn er die allmählich verwitternden Epitaphe an der Dorfkirche betrachtet und hier und da das weiße Vogelvieh ausmacht – doch weit gefehlt.
Die älteste bekannte Namensform Geusas stammt aus dem 9. Jahrhundert und findet sich im Hersfelder Zehntverzeichnis, einer Liste von Ortschaften, die im Merseburger Umland liegen und deren Bewohner der Reichsabtei Hersfeld den Kirchenzehnt zu entrichten hatten. Geusa taucht in der Steuerliste neben „Azechendorpf“ (Atzendorf) und „Blesin“ (Blösien) als „Husuuua“ auf. Dieser Ortsname geht auf die beiden althochdeutschen Wörter „hus“ (Haus) und „uuua“ (Aue) zurück. Somit bedeutet der Ortsname Geusas in etwa Häuser in der Aue. Nicht ganz unpassend, wurden doch viele Felder des Dorfes erst im vorletzten Jahrhundert trockengelegt.
Keine Gans für Geusa also? Nicht ganz, denn wenn kaiserliche oder bischöfliche Boten einst in das Dorf kamen, notierten sie das, was die Leute so brabbelten, mal als Gusua, dann als Geisaha, mal als Geyso, dann wieder als Gusewe, und so kam das Dorf allmählich zu seinem heutigen Namen. Zuletzt verlor Geusa im 19. Jahrhundert sei hinteres u, doch das erlebten die alten Ritter nicht mehr. Darum residieren sie heute in Österreich und den Niederlanden noch als Herren von Geusau – wie altmodisch.
Seit mehr als tausend Jahren ist nun das Althochdeutsche nicht mehr in Gebrauch und die eigentliche Bedeutung des Ortsnamen geriet längst in Vergessenheit. Und wo doch schon mal so viele Gänse über die Auenlandschaft zogen und Geisau, Geus und Gusowe so ein bisschen nach Gans klangen … Schwups entstand die Mär von der Gänseaue Geusa, die so sympathisch wurde, dass sogar die Ritter im Ort die Gans in ihr Wappen aufnahmen. Spätestens seitdem gehört die Gans zu Geusa, wenn auch nicht namentlich.

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