Montag, 9. März 2015
Kurze Notiz zu: Lutherstadt Eisleben
annette riemer, 20:38h
Die Stadt ist obenrum ein Soldatenfriedhof, die sowjetischen Sterne blinken rot auf jedem Grab, und untenrum ganz Lutherstadt. Und das mit Recht, mehr als die übrigen fünfzehn Lutherstädte Deutschlands. Denn nur in Eisleben steht des Reformators Geburtshaus, Taufkirche und Sterbehaus. Er selbst, in Bronze gegossen und Kutte gehüllt, residiert auf dem Marktplatz, schaut mahnend von hohem Sockel auf die Stadt herab, neben ihm das Kleiderparadies „Luther-Stübchen“, in dem übrigens – wohl ganz im protestantischen Sinne – auch Frauenmode angeboten wird.
Also alles Martin und seine Katharina hier? Nicht ganz, denn Eisleben hat noch mehr zu bieten, so etwa seine vorreformatorischen, feudalen Reste. Nicht nur das Hotel der Grafen zu Mansfeld verweist auf die einstigen Besitzverhältnisse, auch Wappen und Landkreis unterordnen die Stadt an der Bösen Sieben – ein Flüsschen, das gar nicht so böse daherkommen will – der nahen, alten Grafenresidenz, sodass Eisleben wohl völlig unbekannt wäre, wenn es nicht Luther gäbe … ja, und die Eislebener Wiesen natürlich! Eine Art mitteldeutsches Oktoberfest im September. Wie als Kontrast zu diesem doch ... nun ja ... etwas volkstümlichen Fest geht es in Eisleben ansonsten recht kulturell zu: Bis 2017 währt die selbstverordnete Luther-Dekade des Landes, die bereitgestellten Fördermittel wollen verbraucht werden (bevor Wittenberg, die zweite Lutherstadt im Land, zu viel davon für sich reklamiert oder Eisleben ab 2018 wieder in dem alltäglichen Nichts versinkt). Daneben finden die Landesliteraturtage in diesem Jahr im hiesigen Landkreis statt, Motto: „Tiefer schürfen“. Eine wehmütige Erinnerung an jene Tage, in denen der Bergbau hier noch florierte und Zehntausende Kumpels ihr ganzes Gewicht in die politische Waagschale warfen. Jaja, die Märzkämpfe – aber wer kennt sie noch? Tiefer schürfen! Eine Stadt auf der Suche nach Identität abseits ihres berühmtesten Sohnes.
Der schönste Ort Eislebens liegt in der oberen Sangerhäuser Straße, weit hinter dem Markt, fernab von Luther und Luther-Tourismus. Da stehen ein paar ehrliche Kneipen und gut erhaltenes Bauwerk, Ruhe garantiert. Der bizarrste Ort: auf der anderen Seite vom Markt, wo eine gewisse Lyly (wahrscheinlich denglisch für Lili) ihr Geschäft hat und die Stadt anfängt, unsaniert und arbeiterviertlich zu werden. Demgegenüber der neuste Ort: das im Zuge der Reformation aufgelöste Kloster Helfta mit seiner Handvoll Zisterzienserinnen, die dort seit der Wende wieder ihr katholisches Unwesen treiben. Alles Übrige: vergessenswürdig. Müsste es jetzt heißen: leider? Unbeantwortbar.
Also alles Martin und seine Katharina hier? Nicht ganz, denn Eisleben hat noch mehr zu bieten, so etwa seine vorreformatorischen, feudalen Reste. Nicht nur das Hotel der Grafen zu Mansfeld verweist auf die einstigen Besitzverhältnisse, auch Wappen und Landkreis unterordnen die Stadt an der Bösen Sieben – ein Flüsschen, das gar nicht so böse daherkommen will – der nahen, alten Grafenresidenz, sodass Eisleben wohl völlig unbekannt wäre, wenn es nicht Luther gäbe … ja, und die Eislebener Wiesen natürlich! Eine Art mitteldeutsches Oktoberfest im September. Wie als Kontrast zu diesem doch ... nun ja ... etwas volkstümlichen Fest geht es in Eisleben ansonsten recht kulturell zu: Bis 2017 währt die selbstverordnete Luther-Dekade des Landes, die bereitgestellten Fördermittel wollen verbraucht werden (bevor Wittenberg, die zweite Lutherstadt im Land, zu viel davon für sich reklamiert oder Eisleben ab 2018 wieder in dem alltäglichen Nichts versinkt). Daneben finden die Landesliteraturtage in diesem Jahr im hiesigen Landkreis statt, Motto: „Tiefer schürfen“. Eine wehmütige Erinnerung an jene Tage, in denen der Bergbau hier noch florierte und Zehntausende Kumpels ihr ganzes Gewicht in die politische Waagschale warfen. Jaja, die Märzkämpfe – aber wer kennt sie noch? Tiefer schürfen! Eine Stadt auf der Suche nach Identität abseits ihres berühmtesten Sohnes.
Der schönste Ort Eislebens liegt in der oberen Sangerhäuser Straße, weit hinter dem Markt, fernab von Luther und Luther-Tourismus. Da stehen ein paar ehrliche Kneipen und gut erhaltenes Bauwerk, Ruhe garantiert. Der bizarrste Ort: auf der anderen Seite vom Markt, wo eine gewisse Lyly (wahrscheinlich denglisch für Lili) ihr Geschäft hat und die Stadt anfängt, unsaniert und arbeiterviertlich zu werden. Demgegenüber der neuste Ort: das im Zuge der Reformation aufgelöste Kloster Helfta mit seiner Handvoll Zisterzienserinnen, die dort seit der Wende wieder ihr katholisches Unwesen treiben. Alles Übrige: vergessenswürdig. Müsste es jetzt heißen: leider? Unbeantwortbar.
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