Freitag, 13. März 2015
Kurze Notizen zu Sachsen-Anhalt
annette riemer, 13:57h
Durch Sachsen-Anhalt reist es sich am besten mit Robert von Lucius. Der wirklich rasende Reporter befährt dieses Bindestrichland, das für viele Ortsfremde immer noch terra incognita oder „deutsches Sibirien“ ist, seit sechs Jahren im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dass er dabei nicht nur im Magdeburger Regierungsviertel und vielleicht auch noch in Halle oder Dessau-Roßlau unterwegs ist, hat er bereits in seinen zahlreichen Berichten bewiesen. Von Lucius wählte in den vergangenen Jahren auch und gerade die abgelegenen Ortschaften im Land, um dort ausgemachte Befindlichkeiten einzufangen, die mehr über Sachsen-Anhalt und seine Bewohner verraten als ein schnöder Lexikoneintrag.
Aber seine nun in Buchform erschienenen Streifzüge durch Sachsen-Anhalt sind alles andere als eine bloße Zusammenstellung von FAZ-Reportagen, die dem Politikteil der Zeitung entnommen worden sind. Von Lucius hielt auch außerhalb des politischen Geschehens die Augen offen, saß im Magdeburger Café Central unter Grünautonomen ebenso wie beim Quedlinburger Pastor, mit dem er über den Kirchchor plauderte. Er erinnert an den über achtzig Jahre alten Brocken-Benno, der mehr als 6.000 Mal den höchsten Berg im Land bestieg, genauso wie an den Hallenser Nachwuchsautor Bernhard Spring.
Insgesamt gelingt von Lucius, was ich bisher noch nirgendwo anders gelesen habe: Er wandert leichtfüßig und äußerst unterhaltsam den schmalen Grad zwischen den Klischees über dieses Land entlang, ohne ins Straucheln zu geraten. Natürlich, zwischen Harz und Elbe hob Kaiser Otto I. sein Heiliges Römisches Reich deutscher Nation aus der Taufe, die (auch baulich manifestierte) historische Blütezeit Sachsen-Anhalts liegt im Mittelalter. Und ja, das Armenhaus Deutschlands ist heute zumindest lokal ein Hort des grassierenden Rechtsradikalismus. Beides zu verschweigen, wäre falsch. Aber von Lucius zeigt ein wesentlich vielschichtigeres Bild, flaniert vom ältesten Fingerabdruck der Menschheit über die Streitigkeiten zwischen Welfenhaus und Blankenburg um alte Adelsbesitze bis zur Magdeburger Band Tokio Hotel. Er betrachtet den größten Truppenübungsplatz in der Altmark genauso wie das Stück Holland im Oranienburger Schloss. Dabei gelingt es ihm immer wieder, Tradition und Aktualität auf einen Nenner zu bringen, etwa wenn er anlässlich der Verlegung des Polizeirufs von Halle nach Magdeburg die regionale kriminalliterarische Kultur, aber auch den nicht weniger ausgeprägten Konkurrenzkampf der beiden Großstädte im Land darstellt.
Ein unbedingtes Muss für alle, die ganz nah am Puls eines Landes sein wollen, das oft zu Unrecht hintan gestellt wird.
Robert von Lucius: Verdichtet und steinreich. Streifzüge durch Sachsen-Anhalt. Mitteldeutscher Verlag, 2012. 160 S., 9,95 Euro. ISBN: 978-3-89812-976-3.
Aber seine nun in Buchform erschienenen Streifzüge durch Sachsen-Anhalt sind alles andere als eine bloße Zusammenstellung von FAZ-Reportagen, die dem Politikteil der Zeitung entnommen worden sind. Von Lucius hielt auch außerhalb des politischen Geschehens die Augen offen, saß im Magdeburger Café Central unter Grünautonomen ebenso wie beim Quedlinburger Pastor, mit dem er über den Kirchchor plauderte. Er erinnert an den über achtzig Jahre alten Brocken-Benno, der mehr als 6.000 Mal den höchsten Berg im Land bestieg, genauso wie an den Hallenser Nachwuchsautor Bernhard Spring.
Insgesamt gelingt von Lucius, was ich bisher noch nirgendwo anders gelesen habe: Er wandert leichtfüßig und äußerst unterhaltsam den schmalen Grad zwischen den Klischees über dieses Land entlang, ohne ins Straucheln zu geraten. Natürlich, zwischen Harz und Elbe hob Kaiser Otto I. sein Heiliges Römisches Reich deutscher Nation aus der Taufe, die (auch baulich manifestierte) historische Blütezeit Sachsen-Anhalts liegt im Mittelalter. Und ja, das Armenhaus Deutschlands ist heute zumindest lokal ein Hort des grassierenden Rechtsradikalismus. Beides zu verschweigen, wäre falsch. Aber von Lucius zeigt ein wesentlich vielschichtigeres Bild, flaniert vom ältesten Fingerabdruck der Menschheit über die Streitigkeiten zwischen Welfenhaus und Blankenburg um alte Adelsbesitze bis zur Magdeburger Band Tokio Hotel. Er betrachtet den größten Truppenübungsplatz in der Altmark genauso wie das Stück Holland im Oranienburger Schloss. Dabei gelingt es ihm immer wieder, Tradition und Aktualität auf einen Nenner zu bringen, etwa wenn er anlässlich der Verlegung des Polizeirufs von Halle nach Magdeburg die regionale kriminalliterarische Kultur, aber auch den nicht weniger ausgeprägten Konkurrenzkampf der beiden Großstädte im Land darstellt.
Ein unbedingtes Muss für alle, die ganz nah am Puls eines Landes sein wollen, das oft zu Unrecht hintan gestellt wird.
Robert von Lucius: Verdichtet und steinreich. Streifzüge durch Sachsen-Anhalt. Mitteldeutscher Verlag, 2012. 160 S., 9,95 Euro. ISBN: 978-3-89812-976-3.
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