Montag, 23. März 2015
Alles so schön bunt hier!
annette riemer, 18:44h
Nun hat auch das Landesverwaltungsamt den Anblick seiner tristen Garagen in der Dessauer Straße satt. Mittels Graffiti sollen die Blechbüchsen bunt werden. Und zwar so: Schüler können Vorschläge einreichen, das Amt wählt einen aus und ein Künstler sprayt dann nach der Vorgabe der Schüler die Garagentore an.
Aber das Landesverwaltungsamt wäre nicht ein Amt, wenn es nicht auch hier wenigstens ein bisschen behördlich zugehen würde. Also dürfen an diesem Workshop nur Schüler ab der 7. Klasse teilnehmen und auch nur jene, die sich zu Gruppen von mindestens fünf Mitgliedern zusammenfinden. Noch was? Ach ja: das Motto. Das lautet "Natura 2000 ist überall."
Was aber ist dieses Natura 2000? Nun ja, ein Naturschutzgebiet nach der allseits bekannten Richtlinie 92/43/EWG zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen. Amt bleibt eben Amt. Auch mit Graffiti.
Aber das Landesverwaltungsamt wäre nicht ein Amt, wenn es nicht auch hier wenigstens ein bisschen behördlich zugehen würde. Also dürfen an diesem Workshop nur Schüler ab der 7. Klasse teilnehmen und auch nur jene, die sich zu Gruppen von mindestens fünf Mitgliedern zusammenfinden. Noch was? Ach ja: das Motto. Das lautet "Natura 2000 ist überall."
Was aber ist dieses Natura 2000? Nun ja, ein Naturschutzgebiet nach der allseits bekannten Richtlinie 92/43/EWG zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen. Amt bleibt eben Amt. Auch mit Graffiti.
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Dienstag, 10. März 2015
Ein fauler Kompromiss
annette riemer, 21:48h
Nazi und Widerständler finden in Halle zusammen
In Halle (Saale) wird dem antifaschistischen Widerstandkämpfer Adam Kuckhoff (1887–1943) eine sehr zweifelhafte Würdigung zuteil: Der ihm gewidmete Straßenzug wird von einer Straße durchkreuzt, die nach Emil Abderhalden (1877–1950) benannt ist. Ausgerechnet Abderhalden, der die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina als deren Präsident so wunderbar systemkonform durch das Dritte Reich lotste: Jüdische Mitglieder wurden ausgeschlossen, Rassengenetiker aufgenommen. Schlimm genug, dass an so einen Charakter seit 1953 schon eine Straße in Halle erinnert.
Schlimmer noch, wie wenig Eier der Stadtrat in der Hose hat, wenn es an die längst überfällige Umbenennung der Straße geht: Zwar tun sich die Geistes- und Sozialwissenschaftler der hiesigen Universität, die gerade in ihren neuen Campus Ecke Kuckhoff/Abderhalden-Straße ziehen, schwer damit, diese namentliche Entgleisung vor ihrer Haustür zu dulden. Immerhin ein Mitglied des NS-Lehrerbundes. Wie will man da frei lehren können? Aber die Leopoldina ist immerhin gewichtige Nationale Akademie – und die Leute dort fahren eine geschickte Propagandastrategie: Der Abderhalden sei ja gar kein echter Nazi gewesen, nur so ein – ja, dafür gibt es eigentlich gar keinen Ausdruck. Und außerdm hätten sich die Geisteswissenschaftler nur so zickig, weil Abderhalden ein Naturwissenschaftler war. Der ewige Streit.
Und der Stadtrat? Macht erst mal den Bock zum Gärtner: Die Leopoldina soll doch mal das politische Wirken ihres Präsidenten untersuchen. Bislang ohne Ergebnisse, man setzt wohl auf Zeit. Und an die Universität gibt der Stadtrat zu erkennen, dass der neue Campus ja auch eine eigene Anschrift bekommen könnte. Dann bliebe alles beim Alten. Mit Abderhalden.
In Halle (Saale) wird dem antifaschistischen Widerstandkämpfer Adam Kuckhoff (1887–1943) eine sehr zweifelhafte Würdigung zuteil: Der ihm gewidmete Straßenzug wird von einer Straße durchkreuzt, die nach Emil Abderhalden (1877–1950) benannt ist. Ausgerechnet Abderhalden, der die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina als deren Präsident so wunderbar systemkonform durch das Dritte Reich lotste: Jüdische Mitglieder wurden ausgeschlossen, Rassengenetiker aufgenommen. Schlimm genug, dass an so einen Charakter seit 1953 schon eine Straße in Halle erinnert.
Schlimmer noch, wie wenig Eier der Stadtrat in der Hose hat, wenn es an die längst überfällige Umbenennung der Straße geht: Zwar tun sich die Geistes- und Sozialwissenschaftler der hiesigen Universität, die gerade in ihren neuen Campus Ecke Kuckhoff/Abderhalden-Straße ziehen, schwer damit, diese namentliche Entgleisung vor ihrer Haustür zu dulden. Immerhin ein Mitglied des NS-Lehrerbundes. Wie will man da frei lehren können? Aber die Leopoldina ist immerhin gewichtige Nationale Akademie – und die Leute dort fahren eine geschickte Propagandastrategie: Der Abderhalden sei ja gar kein echter Nazi gewesen, nur so ein – ja, dafür gibt es eigentlich gar keinen Ausdruck. Und außerdm hätten sich die Geisteswissenschaftler nur so zickig, weil Abderhalden ein Naturwissenschaftler war. Der ewige Streit.
Und der Stadtrat? Macht erst mal den Bock zum Gärtner: Die Leopoldina soll doch mal das politische Wirken ihres Präsidenten untersuchen. Bislang ohne Ergebnisse, man setzt wohl auf Zeit. Und an die Universität gibt der Stadtrat zu erkennen, dass der neue Campus ja auch eine eigene Anschrift bekommen könnte. Dann bliebe alles beim Alten. Mit Abderhalden.
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Montag, 9. März 2015
CIA und Ecstasy in Halle
annette riemer, 20:36h
Drei Mal pro Semester sickert die Studentenzeitschrift hastuzeit von den diversen Instituten der Martin-Luther-Universität über die Cafés in der Kleinen Ulrichstraße, die Landesbibliothek und die Toiletten der Musikbibliothek zu den braven Hallensern durch, die so erfahren können, was die akademische „Jugend von heute“ so umtreibt. Und das ist ziemlich überraschend.
Gleich mehrere Beiträge widmen sich der studentischen Politikverdrossenheit. Selbstkritik? Nein, der Ton ist nicht geißelnd oder beschämt, sondern einfach nur jammernd, wenn die verschiedenen Institutsgruppen, die „Hochschuldemokratie“ und UNICEF-Arbeitsgruppen vorgestellt werden. Ebenso weinerlich geht es über zu den Themen sexuelle Belästigung (die übrigens nur unter Strafe steht, wenn sie von Studenten ausgeht), Leistungsdruck, Medikamentensucht und Autismus, „die unsichtbare Behinderung“.
Besonders schlimm wird es, wenn die Leute von der Zeitschrift ihren kulturellen Anspruch abarbeiten. Da darf ein Musiker einer Krautrockband, die keiner kennt, in Unkrautdeutsch über die zu niedrigen Eintrittspreise der Konzerte in Halle klagen, und die nächste Premiere am Theater wird – offensichtlich mit Blick auf auch zukünftig kostenfreie Pressekarten – aalglatt über den Kamm gelobt: „Rammstein trifft Michael Ende“ – mit dieser zu unglaublich breiten Grätsche dürften so ziemlich alle potentiellen Leser zufrieden sein.
So richtig übel kleinkariert schreibt und skandiert die hastuzeit aber, wenn sie sich um Zeitkritik und Weltoffenheit bemüht. Während alle Welt gen Osten schaut, sei es wegen dem Krieg in der Ukraine oder der (nicht mehr ganz so) neuen Hinterzimmerdroge Crystal Meth, berichten in der hastuzeit Studenten von ihren verträumten Auslandssemestern in England und die Daheimgebliebenen staunen seitenlang über das (nur noch ihr) unbekannte Wunder „Ecstasy und Tanzen in der Disko“.
Zuletzt wird der eigene Anspruch in die Tonne getreten. Nach der Empörung über die Unkündbarkeit eines Dozenten, der irgendwie zu aufdringlich geworden ist – also darüber, dass die Frau an der Uni von manchen nur als Fickvieh betrachtet wird – werden die Kochkurse vom Studentenwerk angepriesen, dazu eine (hoffentlich fiktive) WG-Mitbewohnerin namens Wilma für ihre Häuslichkeit gewürdigt und ein Lob auf den studentischen Schrebergarten angestimmt – illustriert von einer Sojaschlampe inklusive Dutt und obligatorischem Bio-Apfel in der Kralle. Was für ein Frauenbild habt ihr denn, möchte man glatt die mehrheitlich weiblichen Redakteure anschreien.
Aber noch interessanter zu wissen wäre wohl, wie jemand die angebliche politische Gleichgültigkeit der Studenten anklagen und zugleich völlig unkommentiert Bildmaterial verwenden kann, das von einer gewissen „Central Intelligence Agency“ bereitgestellt wird. Klang wahrscheinlich so schön nach Bildungsakademie, diese CIA.
Gleich mehrere Beiträge widmen sich der studentischen Politikverdrossenheit. Selbstkritik? Nein, der Ton ist nicht geißelnd oder beschämt, sondern einfach nur jammernd, wenn die verschiedenen Institutsgruppen, die „Hochschuldemokratie“ und UNICEF-Arbeitsgruppen vorgestellt werden. Ebenso weinerlich geht es über zu den Themen sexuelle Belästigung (die übrigens nur unter Strafe steht, wenn sie von Studenten ausgeht), Leistungsdruck, Medikamentensucht und Autismus, „die unsichtbare Behinderung“.
Besonders schlimm wird es, wenn die Leute von der Zeitschrift ihren kulturellen Anspruch abarbeiten. Da darf ein Musiker einer Krautrockband, die keiner kennt, in Unkrautdeutsch über die zu niedrigen Eintrittspreise der Konzerte in Halle klagen, und die nächste Premiere am Theater wird – offensichtlich mit Blick auf auch zukünftig kostenfreie Pressekarten – aalglatt über den Kamm gelobt: „Rammstein trifft Michael Ende“ – mit dieser zu unglaublich breiten Grätsche dürften so ziemlich alle potentiellen Leser zufrieden sein.
So richtig übel kleinkariert schreibt und skandiert die hastuzeit aber, wenn sie sich um Zeitkritik und Weltoffenheit bemüht. Während alle Welt gen Osten schaut, sei es wegen dem Krieg in der Ukraine oder der (nicht mehr ganz so) neuen Hinterzimmerdroge Crystal Meth, berichten in der hastuzeit Studenten von ihren verträumten Auslandssemestern in England und die Daheimgebliebenen staunen seitenlang über das (nur noch ihr) unbekannte Wunder „Ecstasy und Tanzen in der Disko“.
Zuletzt wird der eigene Anspruch in die Tonne getreten. Nach der Empörung über die Unkündbarkeit eines Dozenten, der irgendwie zu aufdringlich geworden ist – also darüber, dass die Frau an der Uni von manchen nur als Fickvieh betrachtet wird – werden die Kochkurse vom Studentenwerk angepriesen, dazu eine (hoffentlich fiktive) WG-Mitbewohnerin namens Wilma für ihre Häuslichkeit gewürdigt und ein Lob auf den studentischen Schrebergarten angestimmt – illustriert von einer Sojaschlampe inklusive Dutt und obligatorischem Bio-Apfel in der Kralle. Was für ein Frauenbild habt ihr denn, möchte man glatt die mehrheitlich weiblichen Redakteure anschreien.
Aber noch interessanter zu wissen wäre wohl, wie jemand die angebliche politische Gleichgültigkeit der Studenten anklagen und zugleich völlig unkommentiert Bildmaterial verwenden kann, das von einer gewissen „Central Intelligence Agency“ bereitgestellt wird. Klang wahrscheinlich so schön nach Bildungsakademie, diese CIA.
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